Die Straßen sind verlassen wie in einem Western, bevor der Bösewicht auftaucht, Rollläden sind heruntergezogen. 45 000 Einwohner sind aus dem Stadtgebiet von 1800 Metern Radius geflohen, das die Riesenbombe im Rhein niederreißen würde, wenn etwas schief geht. Im Umkreis von 50 Metern würde jedes Haus einstürzen, die Splitter würden Hunderte von Metern weit fliegen. Doch davon geht niemand in Koblenz aus. Alle hoffen, dass die 1,8 Tonnen schwere britische Luftmine aus dem Zweiten Weltkrieg nicht detoniert, wenn der Kampfmittelräumdienst ihren Zünder zieht.
In Koblenz herrschte gestern Ausnahmezustand: 2500 überwiegend ehrenamtliche Helfer aus ganz Rheinland-Pfalz sind angerückt, um knapp die Hälfte der 104 000 Einwohner aus dem Stadtzentrum zu evakuieren. Um neun Uhr mussten alle die Stadt verlassen, am Bahnhof Koblenz hielt kein Zug mehr, die Hauptzufahrtsstraßen waren verwaist, der Schiffsverkehr stand still. 180 Patienten aus zwei Krankenhäusern und 200 Gefangene der Justizvollzugsanstalt Koblenz verlegten Helfer schon vor Tagen auf Einrichtungen außerhalb der Sperrzone.
Die gut zwei Meter lange Mine, die an diesem Tag am Rheinufer unschädlich gemacht werden soll, ist eine der größten Bomben, die im Zweiten Weltkrieg eingesetzt wurden. Sie wurde bemerkt, weil es in den letzten Wochen wenig geregnet hat. Der Pegel des Rheins ist niedrig, das Wasser klar. Anwohner hatten die Luftmine vor zwei Wochen von ihrem Balkon aus entdeckt und den

Fund gemeldet. Der Rhein sei überladen mit Eisenschrott, wie Autos und Fahrrädern, sagt Jürgen Wagner vom Kampfmittelräumdienst Rheinland-Pfalz. Das mache eine Absuche unmöglich. Kein Mensch wisse, wie viele Blindgänger seit über 60 Jahren auf dem Grund des Rheins schlummern. Schiffe fahren sonst über die Minen hinweg, Angler werfen ihre Ruten aus.
Als Polizei und Feuerwehr mitteilen, dass die Stadt leer ist, machen sich zehn Kampfmittelräumer an die Arbeit. Die Bombenentschärfer haben sich hinter einem Haus rund 100 Meter von der Bombe entfernt in Sicherheit gebracht. Ein Fernentschärfungsgerät, das mit einem Seil gesteuert wird, schraubt die Zündköpfe heraus. Der laute Knall der Sprengung eines Nebelfasses beendet den Großeinsatz. Nachdem die Feuerwehr bei einer Messung keine Schadstoffe mehr nachweisen kann, dürfen alle in ihre Häuser zurück.