Aufbruch in Erfurt

Zum Schluss seines Aufenthalts in Thüringen hat der Papst heute Morgen in einer Messe auf dem Erfurter Domplatz dazu aufgerufen, für den Glauben zu werben. Kurz vor der Papstmesse sind laut Polizei an einer Sicherheitsschleuse etwas abseits drei Schüsse gefallen. Verletzt wurde niemand.
24. September 2011
Mit einem Aufruf zur Mission hat Papst Benedikt XVI. heute Morgen seinen Besuch in Erfurt beendet. Anschließend reiste er weiter nach Freiburg, der letzten Station seiner viertägigen Reise.
Am Rande der Papstmesse sind laut Polizei am frühen Samstagmorgen vor Beginn der Messe drei Schüsse gefallen. Ein Anwohner habe in etwa einem Kilometer Entfernung vom Domplatz mit einem Luftgewehr oder einer Luftdruckpistole geschossen, sagte ein Polizeisprecher. Die Straße, die auch in der Nähe des Augustinerklosters liegt, ist von Polizeibeamten abgesperrt. Bestätigt seien drei Schüsse aus einer Luftdruckwaffe in Richtung Sicherheitskräfte, sagte ein Polizeisprecher. Bei dem Vorfall sei niemand verletzt worden.
© dpa
Messe auf dem Domplatz in Erfurt
Nach Polizeiangaben spürte eine Mitarbeiterin des Sicherheitsdienstes einen Stich am Bein. Es sei ein sogenanntes Diabolo gefunden worden, ein Projektil einer Luftdruckwaffe. Der mutmaßliche Täter sei entgegen ersten Angaben noch nicht festgenommen worden. Seine Wohnung sei bekannt, aber noch nicht von der Polizei durchsucht worden. Der Zwischenfall ereignete sich schon zwischen 7.15 und 08.00 Uhr, etwa zwei Stunden vor Beginn der Messe mit dem Papst. Die Sicherheitsschleuse liegt einige hundert Meter entfernt vom Domplatz.
Bei der Messe auf dem Domplatz war von dem Vorfall nichts zu spüren. Der Papst sagte vor knapp 30.000 Menschen unter Bezugnahme auf die Wende von 1989: „Wir wollen uns nicht in einem bloß privaten Glauben verstecken, sondern die gewonnene Freiheit verantwortlich gestalten.“ Und mit Blick auf bedeutende Heilige wie Bonifatius, den Gründer des Bistums Erfurt, und Elisabeth von Thüringen fügte er hinzu: „Wir wollen als Christen auf unsere Mitbürger zugehen und sie einladen, mit uns die Fülle der Frohen Botschaft zu entdecken.“ Das Geläut am Ende des Gottesdienstes sei ein „Signal des Aufbruchs und der missionarischen Einladung“ und eine Ermunterung dazu, das Zeugnis Christi sichtbar und hörbar zu machen, die Gegenwart Gottes, die das Leben „schön und sinnvoll“ werden lasse.
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Der Papst erinnerte aber auch an die Bedingungen, unter denen das kirchliche Leben während des Nationalsozialismus und in der DDR stand. Beide Diktaturen hätten für den christlichen Glauben wie „saurer Regen“ gewirkt, und viele Spätfolgen dieser Zeit seien noch aufzuarbeiten, vor allem im geistigen und religiösen Bereich. „Die Mehrzahl der Menschen in diesem Lande lebt mittlerweile fern vom Glauben an Christus und von der Gemeinschaft der Kirche“, so der Papst.
Zugleich dankte er jenen Menschen, die angesichts äußerer Bedrängnis an ihrem Glauben und an der Kirche festgehalten und dabei persönliche Nachteile in Kauf genommen hätten. Er würdigte nicht zuletzt den Einsatz von Eltern, „die inmitten der Diaspora und einem kirchenfeindlichen politischen Umfeld ihre Kinder im katholischen Glauben erzogen haben“. Besonders im Eichsfeld hätten viele katholische Christen der kommunistischen Ideologie widerstanden, hob er hervor. Das Eichsfeld hatte der Papst gestern besucht und im Marienwallfahrtsort Etzelsbach mit rund 90.000 Gläubigen einen Vespergottesdienst gefeiert.
Die politische Wende im Jahr 1989 führte der Papst entscheidend auf die „Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit“ zurück, nicht nur auf das Verlangen nach Wohlstand und Reisefreiheit. Jene Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit sei unter anderem durch Menschen wach gehalten worden, die ganz im Dienst für Gott und den Nächsten gestanden hätten „und bereit waren, ihr Leben zu opfern“. Sie und die Heiligen gäben Mut, „die neue Situation zu nutzen“. Gerade die Heiligen zeigten, „dass es möglich und gut ist, die Beziehung zu Gott radikal zu leben, sie an erste Stelle zu setzen“.
Gestern Abend hatte sich Benedikt in Erfurt mit Opfern sexueller Übergriffe durch Priester und kirchliche Mitarbeiter getroffen (siehe Papstbesuch: Benedikt XVI. trifft Missbrauchsopfer). Zuvor hatte Benedikt auf historischem Boden, dem Erfurter Augustinerkloster, Vertreter der Evangelischen Kirche getroffen und mit ihnen einen ökumenischen Wortgottesdienst abgehalten. Hoffnungen auf mehr Miteinander von Katholiken und Protestanten enttäuschte er jedoch. Er betonte, eine Annäherung der getrennten christlichen Kirchen könne nicht in Form eines Kompromisses ausgehandelt werden. Auf den Wunsch kirchlicher Reformgruppen und der evangelischen Kirche, gemeinsame Eucharistiefeiern von Katholiken und Protestanten zuzulassen, ging der Papst nicht ein. Allerdings würdigte das Oberhaupt der katholischen Kirche ausdrücklich das Wirken von Martin Luther (1483-1546), der im Augustinerkoster gewirkt hatte. Der frühere katholische Mönch und spätere Reformator Luther hatte vor knapp 500 Jahren die Kirchenspaltung ausgelöst.
Benedikt XVI. ist mittlerweile zur letzten Station seines viertägigen Deutschlandbesuchs aufgebrochen. In Freiburg trifft sich der 84-Jährige unter anderem mit Ex-Kanzler Helmut Kohl (CDU), Vertretern der Orthodoxen Kirche in Deutschland und dem Präsidium des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Am Abend ist auf dem Freiburger Messegelände eine Gebetsvigil mit Jugendlichen geplant. Dazu haben sich 28.000 Menschen angemeldet.
Text: toe., F.A.Z./ FAZ.NET mit dpa
Bildmaterial: AFP, dapd, dpa, REUTERS